In der Kategorie Mietzemärchen am 29.01.12 um 00:04 Uhr veröffentlicht.

Mama und ich

Völlig unterschiedlich sind wir. Meine Mutter ist 71 und ich bin 40 Jahr jünger. Dazwischen kam dann noch mein Bruder, als es noch ein echter Skandal war, ein uneheliches Kind zu bekommen.
Als meine Mutter damals zur Welt kam, da war gerade Krieg. Sie wurde in einer Welt groß, die ich mir nicht vorstellen kann. Aber ich glaube es war auch irgendwie schön damals.
Wenn man mit einem Bierkrug zur nächsten Wirtschaft ging, um den Vater seine Biermass zu holen und heimlich vom Bier trank, während sich der Vater darüber aufregte, wie schlecht der Wirt ausschenkte.
Wenn man die Zigaretten sammelte, die von den Amerikanern nach der Besatzung an die Kinder “verteilt” wurden und sie heimlich rauchte, statt sie dem Vater auszuhändigen. Nein, nicht dass die amerikanischen Soldaten den Kindern Zigaretten gegeben haben, sie haben sie angezündet, einmal daran gezogen und dann demonstrativ weggeworfen, während sich die Kinder auf die brennenden Glimme stürzten, um ihren Eltern eine Zigarette nach Hause zu bringen.
Ach wie abenteuerlich stell ich mir das vor, als die Bahnhöfe noch echte Bahnhöfe waren, und das ganze Leben ein einziges Abenteuer. Damals, so erzählte mir meine Mutter oft, als sie ein Kind war, war es strengstens verboten mit envangelischen Kindern zu spielen, und man durfte auch keine envangelische Kirche betreten. Wie gerne hätte sie nur einmal durch einen Türspalt hindurchgelugt um zu sehen, wie so eine envangelische Kirche im Inneren aussieht.
Später dann mit 38 (also ganz viel später, als es keine Schande mehr war), hat sie meinen envangelischen Vater geheiratet.
Meine Mutter und ich, wir sind sehr verschieden, das fängt schon an mit dem Aussehen. Sie ist mehr der schwedische Typ, während man mich öfters mal ins Lager der Russen sortiert; weiß Gott warum. Aber nicht nur vom Aussehen her sind wir grundverschieden, auch vom Wesen her. Selbst wenn meine Mutter immer wieder erzählt, wie frech sie als Kind war, ich kann es ihr bis heute nicht abnehmen. Weil sie sich ja doch ständig um alles kümmert. Weil sie alles erträgt und ständig eingeschnappt ist. Weil sie sich über ganz andere Sachen als ich, den Kopf zerbricht. Was ich auf die leichte Schulter nehme, nimmt sie schwer, und was ich schrecklich finde, interessiert sie gar nicht. Wie oft geraten wir aneinander. Weil ich ihre Einstellung unakzeptabel finde, weil ich der Meinung bin, dass sie mich bevormundet und bemuttert, und weil ich alles sowieso viel besser weiß.
Dafür verzweifelt sie an meinem Chaos, das ich ständig hinter mir her trage, an meiner Unfähigkeit, die Dinge aufzuräumen, die ich irgendwo herausgezogen habe, und an meiner Art und Weise, meine Meinung zu sagen. Gibt es je etwas worüber wir je mehr streiten als über ihre Gutmütigkeit? Ich weiss nicht, wie man sich oft so ausnützen lassen kann, noch weniger weiss ich, wie man so unfähig sein kann, mal auf den Tisch zu hauen und zu sagen: so nicht!!! Dafür verzweifelt meine Mutter an meiner fehlenden Diplomatie.
Heute hatten wir auch wieder so einen Tag. Wenn bei uns etwas schief geht, dann motze und mecker ich, bis meine Mutter sauer wird. Dann reden wir beide nicht mehr miteinander und gehen uns demonstrativ aus dem Weg. Heute war das wieder so. In Gedanken ziehe ich dann schon weit weit weg von Zuhause, sehe mich für immer verschwinden, während meine Familie bitterlich weint, führe ich ein glückliches und zufriedenes Leben einsam und alleine. Ja, nie wieder würde ich mit ihr reden!
Das hält dannn, wie man sich sicherlich schon denken kann, doch nicht so lange an. Heute waren wir sogar richtig schnell mit dem Versöhnen, weil wir morgen überraschend eine neue Wohnung besichtigen, und das ist dann doch wieder ein bisschen wichtiger als die dramatische Stimmung daheim.
Manchmal ist meine Mutter nämlich richtig in Ordnung, da hab ich sie richtig gern, dann wenn sie von früher erzählt, und wie das damals so war.
Wir waren ja beide schon mal in der Zeitung, nicht zusammen, sondern jede für sich allein. Ich, weil ich mit 3 Jahren einen Unfall hatte, der dann natürlich in die heimische Zeitung kam und meine Mutter, die konnte man sogar schon mal in der New York Times begutachten… als Deutsches Fräuleinwunder. Meine Mama!
Das hab ich auch erst heute erfahren, aber ich war ganz stolz auf sie. Wenn wir mal den Umzug erst einmal geschafft haben, dann scann ich die Fotos ein und zeig sie Euch mal (ich kenn sie auch noch nicht, die liegen noch bei meinem Bruder rum). Jaja, meine Mama, die ist eigentlich schon ganz okay!

So, heute hab ich dann auch das Foto bekommen, obwohl ich ein bisschen enttäuscht bin irgendwie, ich hab mir das viel glanzvoller vorgestellt. Die Serie hieß damals “Deutsches Fräuleinwunder – Deutsche Mädchen bei der Arbeit” (oder so ähnlich) und mein inneres Auge stellte sich hübsche adrette Frauen vor ihren Schreibmaschinen vor. Jetzt bin ich doch ein wenig enttäuscht, dass das so ein normales Bild geworden ist, aber man muss immerhin dazu sagen, dass meine Mutter ein paar Stunden vor dem “Shooting” nichtsahnend beim Zahnarzt saß und sich ihren Weisheitszahn ziehen ließ. Als sie danach dann zur Arbeit ging, wurde sie dann gefragt, ob sie nicht auch mitmachen will. So entstand dann das Foto.

Deutsches Fräuleinwunder beim Arbeiten

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blaues Feuerwerk

In der Kategorie Blitzgewitter, Feuerwerke am 04.12.11 um 17:36 Uhr veröffentlicht.

Unterbewusstsein

Wir hatten heute einen schönen Tag.
Meine kleinerer Neffe war zu Besuch und wir haben zusammen Plätzchen gebacken. Eigentlich hab ich ihm und meiner Mutter nur zugeschaut und darauf beharrt, dass wir unter die Plätzchenformen auch ein Schaf nehmen müssen. Weil Weihnachten hat ja mit Schafen zu tun, so dachte ich… (ich hab auch ein Osterei durchgesetzt…. ich kann einfach manchmal nicht anders, ich brauch dieses Anderssein zuweilen). Mein Neffe war nicht so begeistert von dem Schaf, bis er gemerkt hat, wie sehr ich mich gefreut habe, als er es so hübsch dekroriert hat. Aber da habe ich es immer noch nicht begriffen, warum ich gerade das Schaf am liebsten von allen Plätzchenformen mochte. Nur vorhin, als ich die Fotos von heute durchgegangen bin, ist mein Herz wieder dran kleben geblieben, an diesem kleinen Schäfchen.

Manchmal bin ich auch so doof… so unendlich doof, ohne es zu merken.

 

Plätzchenteller mit Schäfchen

P.S. Unsere Plätzchen sind normalerweise nicht so bunt, das sind immer die Kreationen meines Neffens, einmal im Jahr… aber obwohl sie so überborden vor Farbe, mag ich sie trotzdem von all den anderen Plätzchen am Allerliebsten.

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